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OB: „Keiner hat mehr einen Grund, vor der Brücke umzukehren"

Brückenschlag nach "Iwwernoh": Kreuznacher feiern ihre verjüngte Alte Nahebrücke



Ein Schnipsel für die Ewigkeit: Das Stückchen rotweißes Flatterband wird ins Stadtarchiv gegeben, und die kleine Käthe Kappaun aus Rüdesheim, die es abschnitt, soll in (hoffentlich erst) 60 Jahren bei der nächsten Freigabe der Nahebrücke nach Neubau oder Sanierung wieder das Band durchtrennen. Nämlich genau so wie Monika Schneider, die jetzt ebenfalls zum zweiten Mal dabei war.


Am 16. Juli 1956 hatte Monika Schneider, geb. Hangen, als Dreijährige bei der Einweihung der neu erbauten Spannbetonbrücke das Band durchschnitten. Nachdem Heimatforscher Steffen Kaul diese Geschichte recherchiert und den Kontakt zu der früheren Bad Kreuznacherin hergestellt hatte, konnte nun, zur Freigabe der Brücke nach ihrer Sanierung, das Kind von damals den feierlichen Akt ein zweites Mal vollziehen.

2017-05-13 Eroeffnung Nahebruecke 1956 mit Monika Hangen

Ganz oben: Monika Schneider durchschnitt, wie bereits 1956, das
Band zur Freigabe der Nahebrücke.

 

„Iwwernoh“ - die von der anderen Seite

Das Trennende, das Flüssen zu eigen sein kann, brachte Pfarrer Claus Clausen (Evangelische Kirchengemeinde Bad Kreuznach) sehr plastisch zum Ausdruck, als er an den Bad Kreuznacher Begriff „Iwwernoh“ („über der Nahe“) erinnerte.


2017-07-13 Pfarrer Claus Clausen

Pfarrer Claus Clausen

„Auch hier gibt es also zwei Seiten, die eine und die andere“, so hatte er erfahren, als er neu in der Stadt war. „Und je nachdem, auf welcher Seite man lebt, wird die andere Seite oft mit einem gewissen Misstrauen beäugt. Auf der eigenen Seite wohnen die Richtigen, auf der anderen Seite wohnen die anderen. Wie gut, dass es zwischen den beiden Seiten Brücken gibt, die überbrücken, was trennt.“ So ermögliche die Brücke Gemeinschaft, also Leben. 

„Bad Kreuznach, die Stadt der Brücken, die Stadt der erneuerten Brücke, die heute deshalb ein Fest feiert“, mit diesen Worten hatte Pfarrer Michael Kneib (katholische Gemeinde Heilig Kreuz) zu Beginn des Brückenfests einen „ökumenische Gottesdienst mit interreligiösem Gebet“ eröffnet.

2017-05-13 Pfarrer Dr Michael Kneib

Pfarrer Michael Kneib

Ein tolles Motiv sei dies, sagte er, denn in der Stadt zu leben, dies bedeute Brücken zu bauen zwischen den Menschen. „Brücken bauen, das geht durch Vertrauen, Begegnung und Dienst“, darum solle es auch in dem Gebet gehen: dass sich Menschen vertrauensvoll begegnen, an dem Festtag und an allen Tagen.

Gott verbinde, was die Menschen trennt, und eröffne so neue Lebensräume, sagte Pfarrer Clausen. „Wir sehen oft genug das Trennende, doch Du bist ein Gott der Versöhnung“, und ein Gott, der Augen und Herzen öffnen kann für neue Perspektiven, also „ein Gott, der Brücken baut.“ 


2017-05-13 Imam DITIB-Gemeinde KH und Vors Cihan Sen

Auch Cihan Sen, Vorsitzender der DITIB-Gemeinde, und der Imam
der Gemeinde beteiligten sich mit einem Koran-Zitat und
einem Gebet an der Feier zur Brückeneröffnung.

 

„Ein gelungener Brückenschlag“

„Ich finde, es ist ein gut gelungener Brückenschlag“, lobte Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer das Ergebnis der gut ein Jahrzehnt währenden Bemühungen um Standsicherheit der Brücken, Kostenkontrolle bei der Sanierung und optische Anbindung von Innenstadt und Neustadt. „Keiner hat mehr einen Grund, vor der Brücke da unten umzukehren, sondern es macht neugierig, weil man sieht: Dahinter ist auf jeden Fall noch etwas los“, meint sie. Und: „Heute ist die Brücke so voll, wie wir uns das immer gewünscht haben - ein echter Brückenschlag.“

Die offizielle Freigabe der sanierten Brücke am 13. Mai 2017 fiel aus gutem Grund mit dem Tag der Städtebauförderung zusammen. Denn ohne die Fördermittel aus dem Bundes- und Landesprogramm „Aktive Stadtzentren“ hätte Bad Kreuznach die Brückensanierung nicht bezahlen können.


2017-05-13 Kaster-Meurer Lewentz Greuloch Freigabe Nahebruecke

Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer mit Innenminister
Roger Lewentz und Referatsleiter Walter Greuloch (rechts)


So begrüßte die Oberbürgermeisterin Innenminister Roger Lewentz und dessen dafür zuständigen Referatsleiter Walter Greuloch sehr herzlich. Sie erinnerte an die Geschichte der Brückensanierung, beginnend mit einer Überprüfung 2007, die das Ergebnis erbrachte, dass der Zustand nicht mehr akzeptabel war. Korrosion an den Spannglieder der heute gut 60 Jahre alten Brücke, hervorgerufen durch Chlorid, das vor allem an Fahnenmastlöchern eingetreten war, erforderte ein Eingreifen der Stadtverwaltung und verschaffte ihr „ein Hauptbeschäftigungsfeld“ für die Dauer von 10 Jahren.
 

Zusehends teurer - „und zwar nicht in 1000er-Schrittchen“

Es folgten vielfache weitere Untersuchungen und natürlich Diskussionen über die Frage, wie den Untersuchungsergebnissen denn zu begegnen sei. Abriss und Neubau (für geschätzte 4 Mio. €) oder die Sanierung (anfängliche Kostenschätzung 1 Mio. €)? Über die Größenordnungen „können wir heute nur noch lächeln“, sagt Kaster-Meurer.

In einem Workshop wurden vier Varianten diskutiert: zwei Pfeiler unter die Brücke zu setzen (45 Jahre Standsicherheit), Grundsanierung und ständige Kontrolle (25 Jahre), Neubau als Einfeldbrücke beziehungsweise im historischen Stil.

Variante eins erhielt zunächst den Zuschlag, doch wurden die Aufträge wieder aufgehoben, weil man sich doch für den Neubau entschied und einen Architektenwettbewerb ausschrieb. Der hierbei zum Sieger gekürte Entwurf des Büros Schappertöns sah den Bau einer Behelfsbrücke vor, während die Brücken ganz und gar zur Baustelle geworden wären. Als aber im April 2012 klar wurde, dass die Brückenbögen der Mühlenteichbrücke nur sich selbst, aber keine Baumaschinen hätten tragen können, wurde die Situation zusehends schwieriger und teurer, „und zwar nicht in 1000er-Schrittchen“. 


2017-05-13 Roger Lewentz und Norbert Olk

Norbert Olk (rechts, LBM) im Gespräch mit Minister Roger Lewentz.

Als bereits 9 Mio. € reine Baukosten aufgerufen waren, schlug Norbert Olk, Leiter der örtlichen Niederlassung des Landesbetriebs Mobilität, eine Sanierung vor. Nach der beschriebenen Vorgeschichte noch einmal zurückzurudern sei sehr schwierig gewesen, sagte Kaster-Meurer. „Das macht man nicht unbedingt gerne, aber die 9 Mio. € reine Baukosten hießen ja in Wirklichkeit wahrscheinlich 12 Mio. €“. Mit seiner Variante der Sanierung habe Norbert Olk der Stadt sehr viel Geld gespart, auch, wenn die Arbeiten noch „unglaublich viele Überraschungen zutage förderten“.

"Gut, dass wir jetzt einen Strich drunter machen können“, sagte die Oberbürgermeisterin. Und sie bedankte sich bei allen Beteiligten beim Land, in der Stadtverwaltung, beim Ingenieurbüro Verheyen und dem ausführenden Unternehmen TKP Krächan.

Thomas Gierse

 

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