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Weihnachten 1919 aus Sicht eines Dienstmädchens
Demnächst im Haus der Stadtgeschichte (37)

Weihnachten 1919 aus Sicht eines Dienstmädchens

Bad Kreuznach, 19.12.2018
Bevor das Stadtarchiv ins „Haus der Stadtgeschichte“ umzieht, wird wöchentlich unter der Rubrik „Demnächst im Haus der Stadtgeschichte“ ein Objekt daraus vorgetellt. Im 37. Teil: Ein Brief eines Dienstmädchens an ihre Schwester gibt Einblicke in die Lebenswirklichkeit junger Frauen als Hausangestellte vor 100 Jahren.


„Kreuznach, den 28. Dez. 1919. Liebe Jette! Vielen Dank für D. lb. Brief. Dein Paket hast Du wohl unterdessen erhalten. Hat es Dir gefallen? Was hat Dir das Christkindchen sonst noch gebracht? Bei mir war es recht brav. Von Fr. Prof. habe ich 1 Kalender, 1 Tasse, 1 St. Seif u 1 Jacke von ihren bekommen. Vom H. Prof. 60 M. v. H. Dr. 10 M vom H L. 10 M von unser Doktor 10 M u 1 Stück Seif. Da muß ich wohl sehr brav gewesen sein. Das hätte ich in C. nicht bekommen. Fr. Prof. habe ich ein Alpenveilchen geschenkt. Da sagte heute morgen der H. Dr. so hätte ich mich doch nicht in Unkosten stürzen dürfen, die wären doch so teuer, 1 kl. mit 1 Blume kostet schon 5 M. Ich sagte ihm wenn ich jemand was schenke solls ordentlich oder gar nicht sein.

Fr. Prof. liegt mal wieder im Bett. Am 1 Feiertagabend fiel sie an ihrer Schlafzimmertüre hin, jedenfalls durch einen Krahmpf, hatte dann furchtbare Schmerzen u konnte den ganzen Tag die Beine nicht strecken. H. Dr. hat sie dann gestern morgen betäubt u wollte die Beine strecken nun ist der linke Unterschenkel gebrochen. Jetzt muß sie wenigstens 14 Tg ruhig liegen bleiben. Ich glaubte nach den Feiertage ein bischen ausruhen zu können, nun habe ich die Lauferei wieder. Vor den Feiertagen gings mir hart her; ich habe fast jeden Abend bis 11 12 Uhr geschafft. Morgens geputzt u mittags b Gas gebacken. Es ist alles schön geworden u dann hat man auch seine Freude dran.

Kuchen hab ich auch gebacken. Als ich fragte was soll ich backen, sagte Fr. Prof. ich denke sie überraschen mich u ich hab sie überrascht. Ich habe einen großen Bund gebacken 2. Zuckerkuchen, 1 Zwetschen- 1 Kirschen und 1 Apfelkuchen. Die sind ja wohl nicht so groß u als ich hier fertig hatte, legte ich die 5 auf einen Deckel u trug sie hinein. Sie war ganz begeistert, später mußte ich sie noch 2x bringen für die Herren u f. Dr. Wenn man auch viel Arbeit hat aber so selbstständig arbeiten zu dürfen macht einem auch Spaß. Schon so oft hab ich an Carlinchen in C gedacht, wie sie sagte, bei all ihrer Tüchtigkeit muß ich helfen sonst packen sies nicht, u denen ihr Haus u. unser Haus. Jetzt bin ich schon ½ Jahr hier, die Zeit vergeht furchtbar rasch. Nun wünsch ich Dir alles Gute im neuen Jahr u einen ordentlichen Mann. Mit herzlichem Gr. u. K. verbleibe ich D. Ella. Prosit Neujahr! P.S. Ist 1 M für Fr. Groß nicht so wenig gib ihr noch 1. Wir waren so froh mit dem Fleisch.“


Der Brief stammt aus einem Nachlass, der dem Stadtarchiv 2014 von Sabine Satwat überlassen wurde. Über viele Jahre hinweg schrieben sich die Schwestern Ella und Jette (Henriette) G. Briefe und Postkarten. Darin schildern sie aus der Perspektive junger Frauen ihre Lebenswirklichkeit als Hausangestellte bei verschiedenen Dienstherren im Zeitraum von 1914 bis 1923.


► Demnächst im Haus der Stadtgeschichte ►Jetzt noch im Stadtarchiv unter StAKH NL Satwat.
► Suchbegriff für weitere hanz-Beiträge dieser Serie: Stadtgeschichte-KH (in das Suchfeld oben rechts einkopieren).


2018-12-18 Demnächst im Haus der Stadtgeschichte 37 NL Satwat Brief 1919

Im 37. Teil: Ein Brief eines Dienstmädchens an ihre Schwester gibt Einblicke in die Lebenswirklichkeit junger Frauen als Hausangestellte vor 100 Jahren.


Quelle: Stadtarchiv Bad Kreuznach


 

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