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2018-08-06 Weinberg Bewaesserung Wetter Sommer Trockenheit
Qualität von Wein und Toplagen durch Klimawandel in Not

Mit Tanks und Schläuchen gegen Trockenstress - Hauptproblem kommt erst noch

Bad Kreuznach, 09.08.2018
Seit Tagen pendeln Bad Kreuznacher Winzer mit großen Tankanhängern hinter den Traktoren zwischen den Wingerten und ihren Zapfstellen auf den Weingütern oder an Unterflurhydranten des öffentlichen Trinkwassernetzes. Sie bewässern die Reben, die extrem unter Trockenstress leiden. Fachleute wie der Oenologe Dr. Edgar Müller vom DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück blicken über die Momentaufnahme hinaus besorgt in die Zukunft.

Was weltweit im Weinbau eine Selbstverständlichkeit sei und auch insbesondere in der Pfalz sowie in Österreich praktiziert werde, die regelmäßige Bewässung von Rebanlagen, stelle an der Nahe eine große Ausnahme dar, bestätigt Dr. Müller. Der Wassertransport per Traktor-Gespann und das aufwendige Bewässern könne nur für sporadische Einsätze herhalten. Wo man sich für die regelmäßige Bewässerung entscheidet, kommt die Tropfberegnung infrage. Gut, wenn man – wie in Teilen der Pfalz – eine bereits vorhandene Infrastruktur aus dem Gemüseanbau nutzen beziehungsweise erweitern kann.

Eine Beregnung in der Art, wie man sie von Rasensprengern kennt, ist im Weinbau nicht möglich, weil Feuchtigkeit an Trauben und Blattwerk immer das Risiko von Pilzerkrankungen birgt. Die verabreichte Wassermenge mache die Kunst der Bewässerung aus, so Edgar Müller. Anders als bei Kopfsalat und Radieschen müsse nämlich beim Wein die Wasserversorgung knapp gehalten werden: raus aus der „Qualsituation“, aber keineswegs hinein in den „Luxuskonsum“, sondern Anspannung beibehalten. Alles andere wäre der Weinqualität abträglich.

Als "Knackpunkt" für eine intensive Bewässerung macht Edgar Müller die Bereitstellung der benötigten Wassermenge aus. Die öffentliche Wasserversorgung gebe diese Menge in heißen Sommern nicht her. So müsse man über eine zusätzlich Bevorratung nachdenken, so Müller, auch über Talsperren und damit verbundene Konflikte.

 

Vorerst behelfsmäßige Bewässerung

2018-08-06 Weinberg Bewaesserung Wetter Sommer Trockenheit Animation


Für eine Tropfberegnung legt man Wasserschläuche in die Rebzeilen. Sehr gezielt gibt der Tropfer zwei, drei Liter Wasser je Rebe und Stunde ab, insgesamt sieben bis fünfzehn Liter, die für eine Woche ausreichen. Wenige solcher Schläuche sind derzeit in Wingerten in Bad Kreuznach-Nord zu sehen. Hauptsächlich wird das Wasser „schluckweise“ aus Tanks nahe an die Stämme gebracht oder es werden eigens entlang den Rebstöcken gezogene Rinnen geflutet. Eine weitere, von Edgar Müller erwähnte Variante, Lanzen zum Einpressen des Wassers in den Boden, scheint hier keine Anwendung zu finden.

Eine Anlage für die Tropfberegnung habe das Staatsweingut Bad Kreuznach bereits einmal besessen: 2006 installiert, in den Folgejahren wegen ausreichend Regens nicht benutzt, dann wurde die Rebfläche neu angelegt und die Bewässerungsanlage nicht wieder eingebaut.

Insbesondere jungen Pflanzen fehlt derzeit das Wasser, und zwar so sehr, dass manche Anlage wohl abgeschrieben werden müsse, so Edgar Müller. Weniger dramatisch sieht es dort aus, wo Ende Mai Gewitterregen niedergingen und/oder es wasserhaltige Böden gibt sowie in Lagen mit älteren, gut durchwurzelten Rebstöcken und mit spätem Reifedatum.
 

Jahrhundertsommer 2003 – segensreich oder grausam?

Diese Situation ist den Winzern spätestens aus dem Sommer 2003 bekannt, der als Jahrhundert- oder Jahrtausendsommer in Erinnerung blieb. Der Situation von damals nähere man sich gerade wieder an, und wie damals kolportieren die Medien mit großer Euphorie Vorhersagen über die Qualität des Jahrgangs 2018. Solche Prognosen erfüllen ihn mit Gruseln und Schaudern, erklärt Müller. Das einzige, was zu Euphorie Anlass gebe, sei der Umstand, dass der Wein wirklich reif werde, was, insbesondere beim Riesling, in einigen Jahrgängen vor dem Klimawandel nicht so war. 

„Diese Zeit liegt hinter uns“, sagt Edgar Müller und beschreibt das heute geltende Gegenteil: In vielen Lagen sei das Extremwetter zu viel des Guten für einen qualitativ hochwertigen Wein. Auch dies habe man schon am 2003er-Jahrgang ablesen können, dessen Bilanz umstritten sei und manchen Vertretern der Branche glänzende Augen bereite, von der andere aber sagen: „nur grausam, das wollen wir nicht.“ 
 

"Keine Ewigkeitsgarantie" für Toplagen

Dornfelder reifte damals teils zu ungeahnter Größe heran, dem Riesling fehlte es vielfach an Säure. Wenn aber der Riesling das Aushängeschild des Naheweins ist, ergibt sich daraus ein weitreichendes Problem der klassischen Anbauphilosophie und des darauf fußenden Marketing- und Preisgefüges. 150 Jahre alte Karten weisen nämlich jene Standorte als gut aus, an denen der Wein früh (oder überhaupt) reifte. Dieses Kriterium entfällt zusehends und wandelt sich ins Gegenteil.

Diesen Gedanken weiterzudenken, rühre an ein Tabu, sagt Müller. Denn die Bestlagen für Grands Crus und Große Gewächse werden zunehmend ein Hitze- und Trockenheitsproblem haben, wenn sich die Klimaverschiebung fortsetzt. Derzeit diskutierte Maßnahmen wie stärkerer Laubschnitt und andere Unterlagen in den Rebzeilen werden keine ausreichende Abhilfe schaffen, meint Müller. Auch die Terroir-Eigenschaften werden sich ändern - sie sind ebenfalls ein wichtiges Element im hochpreisigen Weinbau. Nach Müllers Einschätzung beginnen derzeit die Marktingstandards im Weinbau zu bröckeln. 

Die Trockenheit in diesem Sommer veranschauliche drastisch, so Edgar Müller, dass es bei den Lagequalitäten keine Ewigkeitsgarantie gebe.

Thomas Gierse 


 

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