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Nahebrücke: Konzentration auf das Notwendige und Bezahlbare
Sanierung mit Zusatzpfeiler anstelle des eleganteren Neubaus

Nahebrücke: Konzentration auf das Notwendige und Bezahlbare

Die Alte Nahebrücke wird nicht abgerissen und neu gebaut, sondern saniert: Ein zusätzlicher Stützpfeiler soll die Sicherheit garantieren. Eine Prüfung des gesamten Bauvorhabens an Nahe und Mühlenteich durch Norbert Olk, Leiter des Landesbetriebs Mobilität in Bad Kreuznach, zeigte, dass hier 5,8 Mio. € eingespart werden können. Das Land hat sich schon auf diese Variante festgelegt.

Norbert Olk liebt die bildlich Darstellung, weshalb er die Sanierung der Alten Nahebrücke so erklärt: Ergänzend zum etwas fadenscheinigen Gürtel wird die Hose (also die Brücke) künftig auch mit Hosenträgern gehalten. Der Gürtel – das sind die Spannglieder der Brücke; der Hosenträger - dies soll ein Stützpfeiler unter der Brücke sein. Wenn der Gürtel im Lauf der Jahrzehnte dahingeht, soll der Hosenträger dafür sorgen, dass nichts verrutscht.

Modisch nicht der letzte Schrei, aber handwerklich sauber gemacht und für vergleichbar kleines Geld sei diese Ertüchtigung im Vergleich zur neuen Hose (also Brücke) zu haben. Im Klartext: Für Sanierung statt Neubau sollen 3,4 Mio. € statt 9,18 Mio. im Gesamtvorhaben an Nahe und Mühlenteich ausgegeben werden. Oberbürgermeisterin Dr. Heike Kaster-Meurer und Norbert Olk vom Landesbetrieb Mobilität stellten die abermalige Kehrtwende in der Brücken-Frage am Dienstagnachmittag, 14.08.2012, den Medien vor. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Noch’n Gutachten oder eine Handlungsanweisung?

Ganz eindeutig sagt die Oberbürgermeisterin: „Wir haben von der ADD und vom Innenministerium eine schriftliche Stellungnahme, dass man nicht bereit ist, die teurere Maßnahme, nämlich den Neubau und die tief greifenden Eingriffe an der Mühlenteichbrücke, zu finanzieren, sondern lediglich die vom LBM vorgeschlagene Variante.“

Ist die Stadt auf die finanzielle Unterstützung durch das Land angewiesen?

An dieser Abhängigkeit zweifelt in Stadtrat und Stadtverwaltung wohl niemand, am wenigsten die Oberbürgermeisterin. Die Haushaltslage lasse die Finanzierung dieses Projekts allein durch die Stadt nicht zu, denn es müsste ja vollständig über Kredite abgewickelt werden. „Insofern bin ich froh, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, zu einem günstigeren Preis eine Sanierung und Ertüchtigung zu bekommen“, sagt Kaster-Meurer.

Und auch diese abgespeckte Variante könnte die Stadt nicht allein „stemmen“, erklärt die OB. Die Landesregierung werde sich an den förderfähigen Kosten beteiligen - „das wurde uns mündlich zugesagt“.

Wie lange hält die sanierte Brücke?

In der Brückendiskussion war viel zu hören über Sicherheit und Nachhaltigkeit. „Ich kann sagen, sie wird genauso ihre 50 Jahre schaffen, wie das auch andere Brücken im Land schon geschafft haben“, konstatiert der Bauingenieur und Leiter der Bad Kreuznacher LBM-Dienststelle, Norbert Olk. Das habe mit der Überlagerung von zwei statischen Systemen zu tun, die bildlich mit Gürtel und Hosenträger beschrieben wurden.

Wie geht das technisch mit dem Hosenträger, der faktisch ein Pfeiler ist?

Alternative Beschreibung
Im Innern der Alten Nahebrücke.
Quelle: Stadt Bad Kreuznach
Das grundlegende Sicherheitsproblem der Alten Nahebrücke ist konstruktionsbedingt: Ihre Statik hängt an einer Rückverankerung mit Spanngliedern, die nicht prüfbar ist und somit nicht bewertet werden kann. Ein neuer zwei Meter breiter Pfeiler, etwas weniger elegant als das zuletzt diskutierte Neubau-Modell, soll dieses Sicherheitsdefizit ausgleichen.

Das statische System der existenten Einfeldbrücke (ohne Pfeiler) ergänzt um das statische Zweifeldsystem (durch den Bau des Pfeilers) – „so habe ich dem Ganzen noch den Hosenträgen dazugegeben“, erläutert Olk. Das heißt: „Wenn jetzt die Spannglieder wirklich versagen würden, was ich nicht glaube, dann wäre der Pfeiler da, um das Ganze zu halten.“

„Die Spannglieder sind da, manche vielleicht nicht“, schildert Olk lapidar die große Unbekannte in der Brückenstatik, doch seien „überall Reserven“ vorhanden. Die Brücke wird auf dem Pfeiler lasten. Sogar ziemlich schwer, denn zusätzlich zum jetzigen Eigengewicht wird noch ein 20 bis 30 Meter langer Stahlbetonbalken, der den Hohlkasten ausfüllt, auf den Pfeiler drücken.

Alte Brücke, neuer Pfeiler – Was ist mit dem Brückenschlag?

Am sogenannten Brückenschlag vom Kornmarkt zur historischen Neustadt wird festgehalten (auch, weil Fördergelder daran hängen). Es bleibt dabei, dass der Gesamtbogen über Nahe und Mühlenteich hinweg in puncto Straßenbelag, Beleuchtung und Geländer einheitlich gestaltet werden soll und dass nach dem „Shared Space“-Modell sich sämtliche Verkehrsteilnehmer den Raum zwischen den Geländern teilen.

Aber es wird keine Auskragungen geben: also keine Ausweitungen der Brücke mit zum Verweilen einladenden Zusatzflächen. Der Architekturwettbewerb hatte je eine Auskragung an der Nahebrücke und an der Mühlenteichbrücke ins Spiel gebracht. In diesem Verzicht liegt wohl die einzige von oben erkennbare Änderung im Bauvorhaben, aber unter der Fahrbahn macht dieser Verzicht Millionen Euro aus.

Warum wird auf diese Verweilflächen verzichtet?

Alternative Beschreibung
Am Brückenrand ist die aufliegende Spannbeton-Fahrbahn zu erkennen.
Quelle: Thomas Gierse
Der Bau dieser Auskragung hätte erfordert, dass man die Fahrbahntafel auf der Mühlenteichbrücke hätte erneuern müssen.

Dieser Spannbeton-Überbau auf der gemauerten Brücke ist stark durch Streusalz angegriffen und taugt nicht für das Andocken einer ergänzenden Verkehrsfläche. Nicht nur das: Auch darunter hätte man die Auskragung nicht ohne Weiteres verankern können, weil die Bögen als nicht tragfähig gelten.

Wasser und Salz haben den Mörtel angegriffen, hier ist eine Sanierung (unter anderem mit Betoninjektionen) dringend geboten.

Doch bei Verzicht auf die Auskragung kann man sich die Mikropfähle sparen, die durch die eigentlichen Pfeiler hindurchgeführt worden wären und das Gewicht der Fahrbahn samt Auskragung getragen hätten. Solche Mikropfähle hätte nur eine große Maschine einbringen können, die wiederum mittels Kran nur auf einer eigens dafür abgestützten Brücke hätte platziert werden können. „Und das ist eine Million Euro gewesen, die hier noch an Nachforderung für die Absicherung kam“, rechnet Olk vor. „Ich sage: Ich brauch’ keine Auskragung, ich lasse die Fahrbahntafel drin und saniere die. Das heißt, ich strahle nach oben den Chlorid-verseuchten Beton ab und mache neuen drauf.“

Hätte man nicht früher eins und eins zusammenzählen können?

„Als ich ins Amt gekommen bin, da war der Wettbewerb gelaufen und Aufträge waren vergeben“, sagt Oberbürgermeisterin Kaster-Meurer. Sie sei der Meinung gewesen, das nun durchziehen zu müssen. Mit jedem Gutachten, mit jeder Überprüfung seien neue Unwägbarkeiten hinzugekommen. „Von Monat zu Monat sind die Kosten gestiegen, weil immer mehr Probleme dazugekommen sind.“ Irgendwann überwogen die Zweifel, und nun sei sie „heilfroh, dass es eine Alternative gibt“.

Entstehen durch die Kehrtwende in der Planung Kosten?

Ja, obwohl die Oberbürgermeisterin im Februar einen Stopp verfügte, entstanden – vor allem für Architektur und Statik – „Kosten von etwa 350.000 €, und diese Kosten werden nicht gefördert, das heißt die müssen wir tragen“, so Kaster-Meurer. Das sei ärgerlich, aber besser, als die „riesige Maßnahme zu finanzieren.“ Den Stopp hatte Kaster-Meurer ausgesprochen, weil das Ministerium es von der baufachlichen Prüfung abhängig machte, ob es überhaupt einen Cent beisteuern wolle.

Mit Regressforderungen von Seiten der Architekten rechnet Kaster-Meurer nicht. Die beauftragten Planungsabschnitte würden bezahlt, doch entfalle Weiteres, wenn vom Neubau auf die Sanierung umgeschwenkt wird.

Was ändert sich außer den Kosten für die Bürger?

Alternative Beschreibung
Die Umplanung erlaubt es, die Brücken für Fußgänger geöffnet zu lassen 
Quelle: Thomas Gierse
In der nun diskutierten Variante kann die Baustelle jeweils halbseitig geführt werden.

Damit entfällt die teure Behelfsbrücke; die Geschäftsleute müssen nicht in Pavillons umziehen, die historische Neustadt wird nicht von der Fußgängerzone abgeschnitten.

Auch werden die Hochdruckleitungen für Wasser und Gas nicht neu verlegt.
 



Welche sind die nächsten Schritte?

Nach dem Hauptausschuss am Montag werden sich Planungsausschuss und Stadtrat mit der Thematik befassen. „Im Stadtrat werden wir einen grundsätzlichen Beschluss fassen müssen, dass wir die Richtung ändern“, sagt die Oberbürgermeisterin. Nach dem Förderantrag und dem Okay des Landes werde die Planung europaweit ausgeschrieben.

Wenn die Planung fertig ist, kann man ausschreiben - und „wenn wir mit dem Pfeiler anfangen, könnten wir theoretisch im nächsten Sommer in die Nahe. Wir rechnen mit einer Bauzeit von ungefähr eineinhalb bis zwei Jahren“, sagt Kaster-Meurer.

Thomas Gierse

14.08.2012