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Von "Russe" und "Dippeschissern": Wie Bad Münster am Stein und Ebernburg zusammenfanden
Zwangsehe der Nachbarn vor 50 Jahren geschlossen

Von "Russe" und "Dippeschissern": Wie Bad Münster am Stein und Ebernburg zusammenfanden

Bad Kreuznach-BME, 10.06.2019
Harte Zeiten müssen es gewesen sein, vor 50 Jahren, als Bad Münster am Stein und Ebernburg zwangsverheiratet wurden. Die Bewohner des einen Dorfes galten als „de Russe“, die anderen von vis-à-vis wurden „Dippeschisser“ geheißen. Der herbe Umgang miteinander zeigte sich auch an blauen Flecken, wenn bei einem Aufeinandertreffen junger Burschen mal wieder die Fäuste geflogen waren. 

Karl-Hans Becker aus Bad Münster (Foto: links) und Albert Schlich aus Ebernburg waren dabei: bei den Scharmützeln in den Gassen wie auch als mittelbar Beteiligte an der administrativen Umsetzung. Denn Karl-Hans Becker gehörte dem Bad Münster Gemeinderat an und Albert Schlich war der Sohn des damaligen Ebernburger Bürgermeisters Heinrich Schlich. Nun, zum Anlass der Goldhochzeit, waren sie ohne Zweifel die Hauptakteure einer Feierstunde im Bad Münsterer Kurpark. Als Zeitzeugen waren sie gefragt, die Situation von 1969 wieder aufleben zu lassen. Ihr humorvoller Rückblick erhielt viel Applaus.
 

Ist es (endlich) Liebe?

Er wolle schauen, ob aus der anfänglichen Zwangsehe bis zum Datum der Goldhochzeit eine Liebesheirat geworden ist, erklärte Moderator Holger Wienpahl zu Beginn dieses Gesprächs. Lange musste er warten, bis er endlich etwas in dieser Art zu hören bekamen. „Da ist eine vernünftige Ehe draus geworden“, räumte Albert Schlich ein, was der Moderator erleichtert mit „Geht doch!!“ kommentierte.

Ausgangspunkt der Verheiratung war ein Termin der beiden Ortsbürgermeister bei Landesvater Helmut Kohl gewesen. Der Ministerpräsident hatte Wilhelm Haudel aus Bad Münster und Heinrich Schlich aus Ebernburg zu sich nach Mainz einbestellt. Einen Grund für den Besuch hatte die Herren nicht erfahren. Den Fortgang des Gesprächs nach der Begrüßung schilderte Albert Schlich so: „Meine Herren“, habe Kohl gesagt, „wir haben sie eingeladen, um ihnen mitzuteilen, dass Bad Münster am Stein und Ebernburg eine Gemeinde werden. Haben sie was dazu zu sagen?“ Beide seien so perplex gewesen, dass sie nichts antworten konnten, sodass Helmut Kohl nur noch festgestellt habe: „Damit ist die Sitzung geschlossen.“

Die Ehe sei dann sehr schnell geschlossen worden, erzählte Albert Schlich — als eine Muss-Ehe, wie man damals Eheschließungen, die von Schwangerschaften initiert waren, nannte. Karl-Hans Becker war Gemeineratsmitglied in Bad Münster. Sein Freund Walter Betz habe, als Bürgermeister Haudel offiziell die Order der Landesregierung verkündete, gesagt: „Um Gottes Wille, mit dene Russe!“ So sei er halt groß geworden, „das waren die Russen für uns“, erklärte Becker. Umgekehrt, so Albert Schlich: „Wenn von denen einer nach Ebernburg kam, waren das die Dippeschisser.“

Offenbar handelte es sich dabei nicht nur um Neckereien. Als es darum ging, wegen unzureichender Mannschaftsstärken Spielvereinigungen über die Nahe hinaus anzustreben, habe er als Jugendleiter vom VfL die ganze Nacht nicht geschlafen: „Ich mit denen zusammen — das war für mich furchtbar“, gestand Karl-Hans Becker. Der Vereinsvorsitzende Walter Benz habe das genauso gesehen: „Solange ich Präsident vom VfL bin — mit dene Russe nit!“
 

Preußen und Bayern – ein heikles Nachbarschaftsverhältnis

„Einerseits Preußen, andererseits die Pfalz“, das sei das Problem gewesen, erklärte Albert Schlich die geopolitisch heiklen Nachbarschaftsverhältnisse. Als Kind habe er zur Apotheke nach Bad Münster gehen müssen. „Wenn wir nach Hause kamen und hatten unsere Schläge nicht gekriegt, dann hatten wir Glück gehabt.“ 

Karl-Hans Becker schilderte ähnliche Erfahrungen. Sein Vater, Metzger von Beruf, habe in Hochstätten Vieh gekauft und ihm gesagt: „Bub, in Hochstätten wurde ein Acker gemäht, geh Ähre raffe.“ So tat der Sohn, tauschte später einen „schönen Sack voll Ähre“ beim Wohlleben gegen ein Brot und wollte dann über die Nahe zurück nach Bad Münster. 
 
Als er zur Brücke kam, habe er gehört: „Da is e Dippeschisser und dem noh.“ Dank Fahrrad hatte er einen gewissen Vorsprung, musste aber das Rad in der Nahe versenken und zusehen, wie er mit dem Brot nach Hause kam. Am Abend um acht, als keine Jungs mehr auf der Straße waren, sei er zurück an die Nahe und habe nach dem Rad getaucht.

Angesichts solcher Schilderungen müsse man es mit der Angst zu tun bekommen, meinte Moderator Wienpahl, und Karl-Hans Becker bestätigte ihm das: „Wir hatten auch Angst.“ Zweimal habe er in Ebernburg fürchterlich Schläge bekommen. „Ich glaube, der war auch dabei“, sagte er und deutete auf Albert Schlich. „Ich kann mich aber nicht mehr genau entsinnen.“ Schlich ganz gelassen dazu: „Ich muss feststellen, dass wir damals nicht genug zugeschlagen haben.“

Den Moderator interessierte es sehr, ob man sich denn heute gelegentlich in friedlicher Mission treffe und normal miteinander reden könne. „Schon länger“, antwortete Albert Schlich, „man muss ja den Münsterern ein bisschen unter die Arme greifen“. Und überhaupt sei er von Anfang an für diese Ehe gewesen: „Ehrlich. Damit die Kinder keine Schläge mehr kriegen.“ Fazit des Moderators: „Das heißt, der ganz große Vorteil dieser Ehe war: Die Region wurde gewaltfrei.“

Thomas Gierse

 

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