Gedenken an Nazi-Verbrechen wider die Menschlichkeit: „Schaut nicht weg, wenn Unrecht spricht“
Bad Kreuznach, 30. Januar 2026 //
Juden, Sinti und Roma, politische Gegner, Geistliche, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene – vielen Millionen Menschen nahmen die Nationalsozialisten ihre Würde und ihr Leben. Zwei Schicksale stellte Oberbürgermeister Emanuel Letz in den Mittelpunkt seiner Rede am Auschwitz-Gedenktag, dem 27. Januar.
Dies waren der Bad Kreuznacher Gewerkschafter und Sozialdemokrat Matthäus Wahl und der katholische Pfarrer Arnold Fortuin.
1933, im Jahr ihrer Machtübernahme, deportierten die Nazis Matthäus Wahl als politischen Gefangenen ins KZ Esterwege. Gesundheitlich schwer angeschlagen, überstand er Haft und Krieg, lebte später mit Frau und Tochter in sehr bescheidenen Verhältnissen und kämpfte vergebens um eine Entschädigung als NS-Opfer. Pfarrer Arnold Fortuin, der als Religionslehrer von 1933 bis 1937 im Unterricht an den städtischen Berufsschulen in Bad Kreuznach Christustreue statt Führerkult predigte, wurde wegen regimekritischer Aktivitäten aus dem Schuldienst entlassen. Als Seelsorger in Beuren kümmerte er sich um die Häftlinge im KZ Hinzert und wurde von der SS als „schwarze Ratte“ beschimpft. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges konnte er sich durch Flucht seiner Verhaltung entziehen. Fortuin kümmerte sich insbesondere um Sinti und Roma und wurde 1965 von der Deutschen Bischofskonferenz zum ersten Beauftragten für die Seelsorge an Sinti und Roma in Deutschland ernannt.
„Wir gedenken der Toten und Opfer der NS-Diktatur. Wir ehren jene, die Widerstand geleistet haben: Menschen wie Matthäus Wahl und Arnold Fortuin. Und wir nehmen die Mahnung an: Nie wieder wegsehen, nie wieder schweigen, wenn Menschenrechte verletzt werden. Nie wieder zulassen, dass Hass und Hetze die Oberhand gewinnen“, so der Oberbürgermeister.
Letz richtete einen besonderen Dank an Schülerinnen und Schüler der IGS Sophie Sondhelm, die das öffentliche Gedenken an die NS-Opfer seit vielen Jahren mitgestalten. „Ihr knüpft an die Geschichte Eurer eigenen Stadt an. Ihr setzt Euch mit Einzelschicksalen auseinander. Ihr macht aus Jahreszahlen wieder Menschen.“
Dies zeigten die Schülerinnen und Schüler der IGS Sophie Sondhelm auch dieses Mal, einfühlsam und nachdrücklich mahnend. Annalena van Elst und Ioanna Pyravlou trugen Gedichte vor, die nach einer Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau im vergangenen Jahr verfasst wurden:
Ungewissheit
Seit Tagen auf den endlosen Gleisen
Menschen, viele Menschen, ahnungslos
Aufgeteilt in Gruppen, Menschen sind fassungslos
Beängstigend diese Anblicke, lautes Geschrei
Kinder von Müttern getrennt, ganz allein
Aber wo gehen wir hinein?
In die Gaskammer
Leben oder Überleben, eins von den zweien
Dieses laute Geschrei, es frisst sich in mich hinein
Ekelhafter Gestank und lange Arbeit
Macht uns das frei?
Ich will heim, aber doch nicht allein!
Wie können Menschen so ekelhaft sein?
Niemals vergessen, niemals verzeihen.
Es liegt an uns, es ist unsere Zeit!
Diese unmenschlichen Taten sind nun vorbei!
Oder ist es doch noch nicht vorbei?
Annalena van Elst, MSS 11
Die Saat der Hoffnung
Ein Porträt von Menschen, still und rein,
verbrannt im Höllenfeuerschein.
Ein Plan, so kalt, so durchdacht,
mit eiserner, unmenschlicher Macht.
Die Angst war groß, das Leid so nah,
die Hilfe bleibt oft unsichtbar.
Man glaubt es kaum, so fern, so schlimm,
und doch steckt Wahrheit tief darin.
Was Kindern widerfuhr, war Leid,
ihr Ruf verhallt in Dunkelheit.
Die Welt, sie schwieg, sah stumm vorbei,
ließ Unrecht zu — und zwar nicht frei.
Die Saat des Hasses ist gesät,
wo Mitgefühl im Staub vergeht.
Und wer heut wieder stille bleibt,
bereitet vor, was erneut betreibt.
Darum schaut nicht weg, wenn Unrecht spricht,
vergesst die Dunkelheit doch nicht.
Nur wer erkennt, was einst geschehen,
kann verhindern, dass wir’s wiedersehen.
Florentine Reiber, MSS 11
Ioanna Pyravlou, MSS 11
Lea Ziegler, MSS 11
Johann Behrend, MSS 11
Nevio Puff, MSS 12
Es folgte ein szenisches Spiel, das ebenfalls aus der Studienfahrt nach Auschwitz/Krakau entstanden war.
Das Schlussgebet sprach und sang der Kantor der jüdischen Kultusgemeinde Bad Kreuznach/Birkenfeld, Alexander Zakharenko.
Zum Foto: „Wie oft hast Du heute schon weggeschaut? Wann hast Du zuletzt gedacht: Das geht mich nichts an?“, fragten die IGS-Scgüler*innen provozierend in die Runde am Mahnmal in der Kirschsteinanlage. „Wacht auf! Gebt Hass und Hetze keinen Raum in unserer Gesellschaft! Nie wieder ist Jetzt!“, so ihr eindringlicher Appell. An dem szenischen Spiel beteiligten sich Nidevan Alahmad, Rokia Ismailia, Vienna Ly, Melina Mayer, Andiela Ostojic, Gabriel Schmidt, Lena Schweizer,Sofia Shayerman, Akay Simsec und Leni Steyer.
Quelle: Hansjörg Rehbein
Stadtverwaltung bad Kreuznach











